Eine Herausforderung für globale Vermögensverwalter
Stellen Sie sich einen unabhängigen Vermögensverwalter in Zürich, London oder Singapur vor, der über Nacht einen vielversprechenden Kunden verliert – nicht wegen eines Fehlverhaltens des Kunden, sondern wegen eines Treffers in einer Datenbank. Dieses Szenario wird immer häufiger. Vermögensverwaltungsfirmen verlassen sich zunehmend auf globale Watchlists für ihre PEP-Prüfungen (politisch exponierte Personen) – oft gestützt auf westliche Quellen.
Doch der westliche Einfluss bei PEP-Prüfungen ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits hilft er, Compliance zu standardisieren; andererseits kann er eine westlich geprägte Voreingenommenheit mit sich bringen, die internationalen Vermögensverwaltern Kopfzerbrechen bereitet. In einer Zeit, in der aufstrebende Märkte die Entstehung neuer Vermögen vorantreiben, kann diese Verzerrung in Compliance-Systemen das Geschäftswachstum bremsen.
Westlicher Einfluss bei PEP-Prüfungen und westlich geprägte Voreingenommenheit
Globale PEP-Screening-Systeme – von Sanktionslisten bis zu Risikodatenbanken wie World-Check – beruhen primär auf westlichen Regulierungsstandards. Diese Instrumente spiegeln westliche Vorstellungen von Risiko und Reputationsschaden wider. Diese westlich geprägte Voreingenommenheit beim PEP-Screening bedeutet, dass Personen aus nicht-westlichen Regionen möglicherweise nach Kriterien geprüft werden, die den lokalen Kontext nicht ausreichend berücksichtigen.
Zum Beispiel: Refinitivs World-Check stösst auf Kritik in nicht-westlichen Regionen – weil es veraltete oder verzerrte Informationen enthält. Risikoprofile stützten sich auf einseitige Quellen, darunter politisch gefärbte Medien. Ein Kunde kann in einer globalen Datenbank allein wegen unbestätigter Vorwürfe eines ausländischen Blogs oder Mediums markiert werden. Die Folge? Banken und Vermögensverwalter reagieren vorsichtig und lehnen Kunden oft aus Angst vor regulatorischen Risiken ab.
Kritik an World-Check in Schwellenländern
In Schwellenländern wächst unter Fachleuten die Besorgnis über World-Check. Die Datenbank kann Personen als hochriskante PEPs markieren, ohne den Kontext zu erklären. Ein lokaler Reformpolitiker wird womöglich gleich behandelt wie ein sanktionierter Kleptokrat – ein Unterschied, den lokale Beobachter verstehen, den das System aber nicht berücksichtigt.
Ausserdem wächst die Sorge darüber, wie autoritäre Regime globale Datenbanken missbrauchen können. Politische Dissidenten und Aktivisten werden von ihren Regierungen mitunter fälschlich beschuldigt, und diese Vorwürfe landen in westlich konzipierten Datenbanken. Ohne Kontext verstärken Banken in London, Zürich oder Singapur diese Verfolgung unwissentlich.
Compliance-Teams in diesen Vermögenszentren stehen vor einem Dilemma: Entweder sie folgen der Datenbank blind und riskieren, legitime Kunden abzuweisen – oder sie hinterfragen sie und geraten intern unter Compliance-Druck. Es ist ein heikler Balanceakt.
Schwierigkeiten für westliche Private-Banking-Zentren
Die Schwierigkeiten für Private-Banking-Zentren wie Singapur, London und die Schweiz nehmen zu. Diese Zentren müssen strenge globale Compliance-Standards erfüllen, doch ihre Kunden stammen zunehmend aus Schwellenländern – den Regionen, die am stärksten von PEP-Treffern betroffen sind.
1. Viele Fehlalarme
Viele Treffer erweisen sich als harmlos. Eine Führungskraft aus der Wirtschaft mit einer kurzen beratenden Funktion in der Regierung wird womöglich als hochriskant eingestuft. Diese Treffer zu prüfen, kostet Zeit und Ressourcen – besonders beim Onboarding von Kunden aus wachstumsstarken Regionen.
2. Reputation vs. Ertrag
Firmen in der Schweiz, in London und Singapur müssen ihren Ruf schützen und zugleich wettbewerbsfähig bleiben. Weisen sie zu viele Kunden ab, wandert das Geschäft womöglich in weniger regulierte Rechtsordnungen ab. Werden Compliance-Risiken aber ignoriert, drohen Strafen und Reputationsschäden.
3. Kulturelle und politische Nuancen
PEP-Datenbanken lassen oft Nuancen vermissen. Kundenberater und Compliance-Verantwortliche in diesen Zentren müssen zusätzlich recherchieren, um die Lücken zu schliessen. Andernfalls riskiert die Firma, zu streng zu prüfen oder echte Warnsignale zu übersehen.
Neue Vermögen: Warum die westliche Welt weniger Neureiche hervorbringt
Die westliche Welt bringt weniger neue Vermögende hervor als früher. Langsameres Wirtschaftswachstum und demografische Stagnation führen dazu, dass die meisten neuen Millionäre heute aus Asien, dem Nahen Osten und Afrika kommen.
Privatbanken arbeiten zunehmend mit vermögenden Kunden der ersten Generation aus Ländern, in denen Politik und Wirtschaft eng verflochten sind. Diese Kunden lösen eher PEP-Treffer aus, selbst wenn ihr Vermögen legitim und regelkonform ist. Entwickeln sich die Compliance-Teams nicht weiter, verlieren sie die Zukunft der Vermögensbranche aus den Augen.
Differenzierte Compliance in der internationalen Vermögensverwaltung
Ein vorausschauender, risikobasierter Compliance-Ansatz ist nicht mehr optional – er ist unerlässlich. So sieht er aus:
- Erweiterte Sorgfaltsprüfung: Gehen Sie über Datenbanktreffer hinaus. Klären Sie mit professioneller Recherche, wie stichhaltig ein Risikohinweis ist und in welchem Kontext er steht.
- Kontextbezogene Risikobewertung: Nicht alle PEPs stellen das gleiche Risiko dar. Differenzieren Sie je nach Rolle, geografischer Lage und lokalen Governance-Standards.
- Vielfältige Datenquellen: Kombinieren Sie World-Check mit lokalen Datenbanken und regionalen Nachrichten, um einen umfassenden Überblick zu erhalten.
- Transparenz & Einspruchsmöglichkeiten: Geben Sie Kunden die Möglichkeit, einen Eintrag zu klären oder anzufechten. Ein offener Dialog schafft Vertrauen und verhindert Reputationsschäden.
Compliance muss sich von einer starren Checkliste zu einer durchdachten, aktiven Risikodisziplin entwickeln. Das ist besonders wichtig für Vermögenszentren, die zwischen westlichen Regeln und nicht-westlichen Kunden vermitteln.
Wenn Risikosysteme die Politik widerspiegeln: Drei reale Fälle
Obwohl World-Check als neutrales Compliance-Instrument vermarktet wird, zeigen mehrere Fälle, dass seine Einträge eher westlich geprägte politische Narrative widerspiegeln können als ein objektives finanzielles Risiko. Drei Beispiele:
1. Majed al-Zeer – Menschenrechtsaktivist
Al-Zeer, ein in Grossbritannien lebender Aktivist, wurde zu Unrecht als Terrorist markiert – in World-Check, aufgrund einer ungeprüften Behauptung. Der Eintrag führte zu Kontoschliessungen und Reputationsschäden. Er klagte und erhielt einen Vergleich von Refinitiv – ein Beleg dafür, wie westliche Systeme die politischen Anschuldigungen eines verbündeten Staates verstärkten – ohne angemessene Sorgfaltsprüfung.
2. Mohamed Aboutrika - Fussball-Legende
Einer der gefeiertsten Sportler Afrikas, Aboutrika, wurde auf Ägyptens Terrorliste gesetzt, weil er eine inzwischen verbotene Partei unterstützt hatte. World-Check übernahm diese Einstufung, obwohl es weder eine Verurteilung noch Beweise gab. Ägyptische Gerichte hoben den Entscheid später auf. Sein Fall zeigt, wie westliche Instrumente zur Risikobeurteilung ungewollt autoritäre Narrative verstärken können – sofern sie nicht kritisch geprüft werden.
3. Dissidenten im Exil – Schuld durch Verbindung
Zahlreiche türkische Akademiker und ehemalige Beamte, die im Westen Asyl erhielten, wurden in World-Check als Terroristen markiert. Diese Einträge beruhten ausschliesslich auf Beobachtungslisten der türkischen Regierung, die weithin als politisch motiviert kritisiert werden. Einige Betroffene verklagen Refinitiv nun in den USA vor Gericht – wegen Verleumdung und Machtmissbrauchs.
Diese Fälle zeigen: Compliance-Datenbanken sind nur so neutral wie ihre Quellen. Stammen Daten aus Regimen oder Konflikten, in denen die Politik über dem Recht steht, können selbst gut gemeinte Risikoinstrumente zu Werkzeugen der Ungerechtigkeit werden.
Fazit: Wie geht es weiter für globale Vermögensverwalter?
Da die westliche Welt immer weniger neue Vermögende hervorbringt, wird es immer wichtiger, die PEP-Prüfungen an den modernen, globalen Kundenstamm anzupassen. Der westliche Einfluss bei PEP-Prüfungen wird wohl bestehen bleiben, doch seine Auswirkungen lassen sich durch kritisches Denken, die Validierung über mehrere Quellen und eine engere Kundenbeziehung abfedern.
Für Vermögensverwaltungsprofis ist das nicht nur eine Frage der Compliance – es ist eine Geschäftsstrategie. Erfolg heisst heute, Regeln fair anzuwenden und zugleich die Tür für legitime internationale Kunden offen zu halten.