Von der Erzählung zu den Zahlen: Lancierung eines thematischen Modellportfolios
Im Dezember 2024 wurde ein einfaches Modellportfolio mit einem klaren Ziel lanciert: eine thematische Anlageidee unter realen Bedingungen zu testen. Im Fokus standen nie Theorie oder Optimierung, sondern praktische Umsetzung und messbare Ergebnisse.
Als Grundlage für den ersten Anlagerahmen diente ChatGPT als Strukturierungshilfe für den Ausblick. Dieser Ansatz spiegelt einen breiteren Wandel in der Finanzwelt wider, in dem digitale Werkzeuge das menschliche Urteil zunehmend ergänzen – siehe auch die digitale Transformation im Finanzwesen.
Von Anfang an lag der Schwerpunkt auf Einfachheit, Transparenz und Vergleichbarkeit. Die Performance sollte leicht nachzuverfolgen, zu erklären und zu beurteilen sein.
Portfolioaufbau: Bewusst einfach
- Fünf Aktien, gleich gewichtet
- Rund CHF 5’000 pro Position
- Buy-and-hold-Strategie, kein Rebalancing
- Ungesichertes Währungsexposure, entsprechend der typischen Erfahrung eines Schweizer Privatkunden
- Referenzwährung: CHF
Die Aktien wurden ausschliesslich anhand der Themen des Ausblicks 2025 ausgewählt: künstliche Intelligenz, Innovation im Gesundheitswesen, Elektrifizierung, Infrastruktur und widerstandsfähiger US-Konsum. Diese Themen wurden später vertieft in der umfassenderen Anlageperspektive 2026.
Die Positionen: Amazon, ASML, Eli Lilly, Siemens, NVIDIA.
Link zum ursprünglichen Beitrag
Portfolio 2025
Portfolio-Performance auf einen Blick
Per 13. Dezember 2025 weist das Portfolio folgendes Gesamtergebnis auf:
- Total investiert: CHF 23’835.94
- Aktueller Marktwert: CHF 27’493.82
- Gesamtgewinn (inkl. Dividenden): CHF 3’814.17
- Gesamtperformance: +13.87%
In absoluten Zahlen entspricht dies einer soliden zweistelligen Rendite über rund ein Jahr – erzielt ohne Hebel, Derivate oder taktischen Handel.
Was trieb die Performance?
Klare Gewinner
ASML (+29.97%)
Der stärkste Beitrag. Die Halbleiter-Investitionen im Zusammenhang mit KI und Hochleistungsrechnen blieben trotz makroökonomischem Rauschen robust. ASML zeigte einmal mehr die Stärke seiner Monopolstellung.
Siemens (+22.26%)
Profitierte von Infrastrukturausgaben, Elektrifizierung und digitalen Industrielösungen – genau wie im ursprünglichen Ausblick erwartet.
NVIDIA (+20.88%)
Die Nachfrage nach KI überraschte weiterhin positiv. Trotz anfänglicher Bewertungsbedenken rechtfertigte die Gewinndynamik die Aufnahme.
Eli Lilly (+17.29%)
Die Innovation im Gesundheitswesen hielt, was sie versprach. Behandlungen gegen Adipositas und Diabetes sorgten für eine hohe Umsatzvisibilität und steigende Aktienkurse.
Der Bremsklotz
Amazon (-13.34%)
Der einzige negative Beitrag. FX-Effekte (Schwäche des US-Dollars gegenüber dem CHF) und Margensorgen belasteten die Rendite. Operativ solide, aber das Timing war ungünstig.
Das unterstreicht eine wiederkehrende Realität in der Vermögensverwaltung: Selbst Qualitätsunternehmen können über kurze Zeiträume hinter den Erwartungen zurückbleiben, besonders wenn das Währungsexposure ungesichert bleibt – ein Thema, das Privatkunden oft unterschätzen.
Die Rolle der Währungen: ein unterschätztes Risiko
Das Währungsexposure bewusst nicht abzusichern, war eine gezielte Entscheidung. Das Ergebnis war eindeutig:
- USD-Positionen (Amazon, NVIDIA, Eli Lilly) litten unter der Stärke des CHF
- Das EUR-Exposure blieb weitgehend neutral
Ohne Währungsgegenwind wäre die Aktienperformance höher ausgefallen. Die Lehre ist klar: Das Währungsrisiko ist beständig, strukturell und wird oft übersehen – insbesondere in CHF-basierten Portfolios.
War ChatGPT als Anlagehilfe nützlich?
Die ehrliche Antwort ist differenziert. ChatGPT war kein Stock-Picker. Es hat weder das Timing optimiert noch das Währungsexposure gesteuert oder Bewertungen fein abgestimmt.
Was es jedoch bot, war Struktur. Es half, dauerhafte Themen zu identifizieren, Anlage-Narrative zu formulieren und rein spekulative Trades zu vermeiden. In diesem Sinne diente es eher als Research-Assistent denn als Entscheidungsträger – ähnlich wie sich Instinkt und Erfahrung entwickeln; siehe dazu den Beitrag über die Entwicklung des Instinkts bei Entscheidungen.
Das grössere Bild
Eine Rendite von rund 14% in CHF, erzielt mit vollem Währungsexposure und ohne aktives Management, schneidet im Vergleich zu vielen ausgewogenen Portfolios im selben Zeitraum gut ab. Wichtiger noch: Das Portfolio verhielt sich genau so, wie es eine thematische Aktienallokation tun sollte:
- Konzentriert, aber über strukturelle Treiber diversifiziert
- Zeitweise volatil, aber grundsätzlich kohärent
- Getrieben von Gewinnen und langfristigen Trends statt von kurzfristigem Hype
Das macht das Experiment wertvoll – nicht weil es «den Markt geschlagen» hat, sondern weil es einen disziplinierten, themenorientierten Anlageprozess bestätigt hat. Dieselbe Denkweise liegt langfristigen Kundenbeziehungen in der Vermögensverwaltung zugrunde.
Fazit
War ChatGPT also ein guter Ratgeber?
👉 Als Ideengeber und zur Synthese von Narrativen: ja.
👉 Als eigenständiger Anlageentscheider: eindeutig nicht.
Mit Bedacht eingesetzt, kann es das Research unterstützen, Annahmen hinterfragen und helfen, Strategien zu formulieren. Menschliches Urteilsvermögen, Portfoliostruktur und Risikobewusstsein bleiben jedoch unerlässlich.
Und das ist vielleicht die nützlichste Schlussfolgerung von allen.
Dieses Modellportfolio und der Kommentar dienen ausschliesslich Informationszwecken und stellen keine Anlageberatung dar. Die vergangene Performance ist kein Indikator für künftige Ergebnisse. Jede Anlage ist mit Risiken verbunden.